Wenn Leistung nicht mehr zählt: Die Lüge der Gerechtigkeit
Baumarkt. Eine Frau, Anfang 60, an der Selbstbedienungskasse. Eine alte Arbeitskollegin meiner Mutter.
Sie sagt: "Bald Rente. Aber es wird nicht reichen. Nicht einen Tag arbeitslos in meinem Leben. Trotzdem."
Ich nicke. Sage irgendetwas Höfliches. Gehe weiter.
Zwei Stunden später. WhatsApp in der Kumpelgruppe:
"Kleiner Abschiedsschmerz: Habe meinen Wagen gerade verkauft. Britta hat ihren auch mit weggegeben, wir haben zwei neue Luxus-Modelle gegengezeichnet. Der erste kommt im Februar, beim zweiten müssen wir bis 2027 warten. 😔"
Der Verkaufserlös der beiden Gebrauchten ist höher als das Jahreseinkommen vieler Menschen.
Das System sagt: Beides ist in Ordnung.
Nein. Das ist es nicht.
Die Leistungserzählung
Die Gesellschaft erzählt eine Geschichte.
Sie klingt so:
Leistung zahlt sich aus.
Wer arbeitet, wird belohnt.
Wer spart, ist abgesichert.
Wer sich anstrengt, kommt durch.
Das ist die Moral, die uns beigebracht wird.
Von klein auf. In der Schule. Im Job. In der Politik.
Wenn es dir schlecht geht, hast du nicht genug getan.
Wenn du arm bist, hast du falsche Entscheidungen getroffen.
Wenn die Rente nicht reicht, hättest du besser planen müssen.
Das ist die Lüge.
Und sie war immer schon eine Lüge.
40 Jahre Arbeit. Nicht einen Tag arbeitslos.
Die Rente reicht nicht.
Das ist keine Gerechtigkeit. Das ist Zufall.
Wenn dir gefällt, was ich mache, darfst du mir gerne einen symbolischen Kaffee spendieren.
Wer profitiert
Die Politik sagt: Eigenverantwortung.
Die Medien sagen: private Vorsorge.
Die Optimierungskultur sagt: Wer arm ist, hat falsch geplant.
Das ist keine Analyse. Das ist Ablenkung.
Die Frage ist nie: Warum reicht 40 Jahre Arbeit nicht für ein sicheres Alter?
Die Frage ist immer: Was hast du falsch gemacht?
Das ist Struktur.
Eine Struktur, die Menschen nach Leistung bewertet und sie trotzdem nicht schützt.
Eine Struktur, die Vermögen belohnt und Arbeit ignoriert.
Eine Struktur, die aus Glück Verdienst macht und aus Pech Versagen.
Und eine Struktur, die davon profitiert, dass du glaubst, du seist das Problem.
Der moderne Ablasshandel
Und jetzt kommt der Teil, der fast noch perfider ist.
Der Teil, in dem uns gesagt wird: Du kannst etwas tun.
Kauf Bio-Eier.
Fahr ein E-Auto.
Nimm den Ökostrom-Tarif.
Iss vegan.
Das ist der moderne Ablasshandel.
Im Mittelalter konntest du dir deine Sünden freikaufen.
Heute kaufst du dir ein gutes Gewissen.
Mit den richtigen Produkten. Mit den richtigen Entscheidungen.
Mit dem richtigen Konsum.
Das ist nicht Verantwortung. Das ist Beruhigung.
Du hast die Klimakrise nicht verursacht, indem du das falsche Auto fährst.
Du hast die Ungerechtigkeit nicht geschaffen, indem du die falschen Eier kaufst.
Das ist Ablenkung.
Ablenkung von der eigentlichen Frage: Wer trägt strukturelle Verantwortung?
Nicht der Konsument. Der Konzern.
Nicht der Einzelne. Das System.
Aber uns wird eingeredet: Kauf richtig. Dann hast du deinen Teil getan.
Bullshit.
Das ist eine Strategie, um Verantwortung zu individualisieren, wo sie strukturell ist.
Niemand rettet die Welt mit Bio-Eiern.
Niemand stoppt den Klimawandel mit einem E-Auto.
Das sind Beruhigungspillen.
Sie geben dir das Gefühl, du tätest etwas. Während die eigentlichen Strukturen unangetastet bleiben.
Der Wald kennt keine Leistung
Ein Baum wächst.
Manche haben Sonne. Manche Schatten.
Manche stehen auf fruchtbarem Boden. Manche auf Fels.
Keiner wird dafür bestraft, dass er langsamer wächst.
Keiner muss sich rechtfertigen, dass er nicht hoch genug ist.
Die Natur kennt keine Leistungserzählung.
Das System schon.
Das System sagt: Wer nicht hoch genug kommt, hat sich nicht genug angestrengt.
Das System sagt: Wer scheitert, ist selbst schuld.
Das System sagt: Leistung zahlt sich aus.
Die Frau im Baumarkt hat 40 Jahre geleistet.
Ihre Rente reicht nicht.
Das ist nicht Natur. Das ist eine Entscheidung.
Das Problem ist die Struktur
Nicht der Konsum ist das Problem. Nicht die einzelne Kaufentscheidung.
Nicht das schlechte Gewissen, das du hast, wenn du gut lebst.
Das Problem ist eine Struktur, die aus Glück Verdienst macht.
Eine Struktur, die sagt: Wer es geschafft hat, hat es verdient.
Eine Struktur, die sagt: Wer es nicht geschafft hat, hat nicht genug getan.
Das ist die Lüge.
Menschen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, kaufen sich Statussymbole.
Menschen, die ihr Leben lang funktioniert haben, fragen sich, ob die Heizung noch drin ist.
Das ist keine Gerechtigkeit. Das ist Zufall.
Und solange uns erzählt wird, das sei eben so, das sei der Markt, das sei Realität –
Solange bleibt diese Lüge bestehen.
Keine Lösungen
Ich habe keine Lösung.
Ich weiß nicht, wie man das System ändert.
Ich weiß nicht, wie man Gerechtigkeit herstellt.
Aber ich weiß eines: Ich sehe es.
Ich sehe, dass 40 Jahre Arbeit nicht reichen.
Ich sehe, dass die Leistungserzählung eine Lüge ist.
Ich sehe, dass das System davon profitiert, dass wir glauben, wir seien das Problem.
Und ich schweige nicht mehr dazu.
Manchmal ist Wut das Einzige, was noch angemessen ist.
Manchmal ist es das Einzige, was man tun kann:
Benennen.
Nicht wegschauen.
Nicht nicken.
Nicht akzeptieren, dass das eben so ist.
Weil es nicht so sein muss.
Was bleibt
Der Maßstab ist eine Lüge.
Die Erzählung, dass Leistung sich auszahlt, ist eine Lüge.
Die Idee, dass jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich ist, ist eine Lüge.
Das System ist keine Naturgewalt.
Es ist eine Entscheidung.
Eine Entscheidung, die jeden Tag getroffen wird.
Von denen, die Gesetze machen.
Von denen, die Löhne festlegen.
Von denen, die Renten berechnen.
Das ist nicht Realität. Das ist Struktur.
Und diese Struktur macht aus Glück Verdienst.
Aus Pech Versagen.
Aus Menschen Projekte.
Schweigen macht es nicht besser
Die Frau im Baumarkt hat 40 Jahre gearbeitet.
Ihre Rente reicht nicht.
Das ist nicht in Ordnung.
Und solange mir gesagt wird, das sei eben so. Solange Eigenverantwortung gepredigt wird, wo strukturelle Verantwortung liegt, solange Bio-Eier als Lösung verkauft werden, während das System unangetastet bleibt …
… bleibe ich wütend.
Nicht trotzdem. Sondern deshalb.
Das Problem bist nicht du.
Das Problem ist ein System, das aus Glück Verdienst macht.
Und eine Gesellschaft, die dir einredet, du hättest nur nicht genug getan.
Anders richtig. Punkt.
Davis
Wenn dir gefällt, was ich mache, darfst du mir gerne einen symbolischen Kaffee spendieren.
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