Warum ich den Fokus verschoben habe

Warum ich den Fokus verschoben habe

Ich sitze am Schreibtisch. Vor mir liegt ein Text, den ich vor zwei Wochen geschrieben habe. Er ist ruhig, poetisch, voller Naturbilder. Er sagt: "Du darfst sein, wie du bist." Er ist nett.

Und genau das ist das Problem.

Ich lese den Text noch einmal. Dann noch einmal. Und ich merke: Das stimmt nicht. Oder nicht mehr.
Nicht, weil die Aussage falsch wäre. Sondern weil sie zu kurz greift.
Zu weich.
Zu sehr Selbsthilfe, zu wenig Systemkritik.

Ich habe "Anders richtig" mit einer klaren Botschaft gestartet: Anders ist nicht falsch. Das Problem ist der gesellschaftliche Maßstab, der Anderssein als Defizit behandelt.
Diese Botschaft steht. Sie war richtig. Sie ist immer noch richtig.

Aber sie war unvollständig.

Was fehlte

In meinen bisherigen Texten habe ich den Maßstab sichtbar gemacht. Ich habe benannt, wo das System zu eng ist. Wo Tempo als Kompetenz gilt, Geselligkeit als Gesundheit, Produktivität als Tugend.

Was ich nicht benannt habe: Wer davon profitiert.

Die Optimierungsindustrie. Die Coaching-Kultur.
Das gesamte Business-Modell, das darauf basiert, dir zu erzählen, du müsstest die beste Version deiner selbst werden.

Ich habe über den Maßstab geschrieben. Aber ich habe nicht klar genug gesagt:
Es gibt eine ganze Industrie, die diesen Maßstab verkauft. Die daran verdient, dass du glaubst, mit dir stimme etwas nicht.

Das war mein blinder Fleck.

Das Problem mit "Du darfst"

"Du darfst sein, wie du bist."

Dieser Satz war mein Standard. Sanft. Ermutigend. Positiv.

Und genau deshalb falsch.

Nicht, weil die Erlaubnis falsch wäre.
Sondern weil sie zu kurz greift.
Sie impliziert: Das Problem liegt in dir. In deinem Glauben, du dürftest nicht.
In deiner fehlenden Selbstakzeptanz.

Aber das Problem liegt nicht in dir.

Das Problem liegt im System, das dir seit Jahren erzählt, du seist nicht gut genug.
Und in der Industrie, die daran verdient.

Ein „Du darfst“ reicht nicht. Es braucht ein klares, manchmal hartes:
„Das System ist falsch".

Was sich an meiner Einstellung geändert hat

Ich bin nicht sanfter geworden. Ich war nie sanft.

Ich war vorsichtig.
Ich habe den Maßstab benannt, aber den Gegner geschont.
Ich habe gesagt: "Der Rahmen ist zu eng."
Aber ich habe nicht laut gesagt: "Und die Coaching-Industrie verkauft euch Anpassung als Entwicklung."

Das ändert sich jetzt.

Meine neue Kernbotschaft:

Du bist nicht falsch. Das System ist zu eng. Und die Optimierungsindustrie profitiert davon.

Das ist keine andere Botschaft.
Das ist die gleiche Botschaft – nur vollständig.

Warum jetzt

Weil ich gemerkt habe: Die Menschen, die zu mir kommen, sind müde.

Müde von Coaches, die ihnen sagen: "Ich zeige dir, wie du belastbarer wirst."
Müde von Selbsthilfe-Büchern, die ihnen erklären: "Du musst nur an deinen Grenzen arbeiten."
Müde von einer ganzen Industrie, die aus ihnen Projekte macht.

Sie wollen keine Erlaubnis mehr. Sie wünschen sich Klarheit.

Sie wollen nicht hören: "Du darfst so sein."

Sie wollen hören: "Das System lügt. Und hier ist, wie."

Was das für dich bedeutet

Meine Texte werden klarer. Direkter. Konfrontativer.

Ich werde weiterhin den Maßstab benennen. Aber ich werde auch benennen, wer davon profitiert.

Ich werde weiterhin Naturbilder nutzen.
Aber nicht als poetischen Schmuck, sondern als Gegenargument.
Der Wald kennt keine Produktivitätsnorm.
Niemand verkauft den Bäumen ein Effizienz-Coaching.

Ich werde weiterhin ruhig schreiben. Aber ruhig ist nicht weich.

Ruhig kann systemkritisch sein. Ruhig kann konfrontativ sein.

Ich werde Sätze schreiben wie: "Fuck Optimierung." Nicht, weil ich aggressiv bin. Sondern weil manche Dinge klar benannt werden müssen.

Die Coaching-Industrie macht aus Menschen Projekte.
Das ist keine Meinung. Das ist eine Beobachtung.
Und sie braucht keine höfliche Verpackung.

Der Wald im Winter

Ein Baum wächst im Winter nicht. Er steht still. Regeneriert. Zieht sich zurück.

Die Optimierungskultur sagt: Wachstum ist Pflicht. Produktivität ist Tugend. Stillstand ist Versagen.

Die Natur sagt: Es gibt Zeiten für Wachstum. Und Zeiten für Stille.

Niemand verkauft dem Baum ein Produktivitäts-Coaching. Niemand sagt ihm: "Lerne, auch im Winter zu blühen."

Die Natur kennt keine Optimierungsindustrie.

Nur wir haben eine.

Was bleibt

Ich bin immer noch gegen Optimierung. Ich war es schon vorher. Jetzt sage ich es nur klarer.

Ich bin immer noch für Begleitung statt Coaching. Für Klarheit statt Transformation. Für Raum statt Zug.

Ich gebe immer noch keine Lösungen. Ich benenne immer noch nur Zusammenhänge.

Aber ich benenne jetzt auch die Gegner.

Die Coaching-Industrie, die aus deiner Andersartigkeit ein Defizit macht.

Die Optimierungskultur, die dir einredet, du müsstest dich verbessern.

Das Performance-System, das Tempo, Geselligkeit und Produktivität belohnt – und alles andere pathologisiert.

Die Einladung

Wenn du müde bist von der Optimierungskultur, bleib.

Wenn du wütend bist auf ein System, das deine Stille als Inkompetenz liest, bleib.

Wenn du keine Transformation mehr willst, sondern Klarheit, dann bleib.

Aber wenn du nach Selbsthilfe suchst, nach "5 Schritten zu mehr Authentizität", nach der besten Version deiner selbst, dann bist du hier falsch.

Das war immer so. Ich sage es jetzt nur deutlicher.

Der Kern

"Anders richtig" war nie Selbsthilfe. Es war immer Systemkritik.

Ich habe das nur zu höflich verpackt.

Das ändert sich jetzt.

Du bist nicht falsch. Das System ist zu eng. Und die Optimierungsindustrie profitiert davon, dass du das nicht erkennst.

Das ist keine neue Botschaft. Das ist die Botschaft, die ich von Anfang an hätte sagen sollen.

Jetzt sage ich sie.


Anders richtig.

Davis


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