Wenn dein Gefühl zur Diskussion wird
Ein Text darüber, wie schnell dein Erleben zur Debatte wird – und warum du nicht verpflichtet bist, mitzuspielen.
Du schreibst etwas. Nicht kompliziert. Einfach, was du erlebt hast. Was dich berührt. Was du wahrnimmst.
Die Antwort kommt schnell:
„Spannend. Aber müsste man da nicht auch Kontext X berücksichtigen?"
„Empirisch gesehen ist das natürlich komplexer."
„Wie unterscheidest du denn zwischen A und B? Oder ist es vielleicht C?"
Etwas in dir wird eng. Nicht verunsichert. Wütend. Diese alte, vertraute Wut.
Das passiert nicht zufällig.
Diese Antworten machen etwas Bestimmtes: Sie wechseln die Ebene.
Du zeigst Erleben. Sie fordern Beweis.
Du sprichst aus Wahrnehmung. Sie antworten mit Analyse.
Du bist klar. Sie machen es unklar.
Oft ohne böse Absicht. Manchmal, ohne es zu merken. Aber die Wirkung bleibt:
Was vorher eindeutig war, steht plötzlich zur Debatte.
Sie nehmen dein Erleben und erklären es dir neu. Als wäre deine Wahrnehmung ein Entwurf, der noch Korrektur benötigt.
Warum Theorie höher wiegt als Gefühl
Unsere Gesellschaft hat eine Hierarchie.
Wer nachfragt, gilt als reflektiert.
Wer Begriffe nutzt, wirkt ernst zu nehmend.
Wer kompliziert formuliert, bekommt Raum.
Wer sagt „Ich erlebe das so", muss sich rechtfertigen.
Wer sagt „Aus systemischer Sicht betrachtet", bekommt Autorität.
Das ist kein Zufall. Das ist Struktur.
Gefühl wird als subjektiv abgetan. Zu einfach. Zu emotional. Klarheit wird mit Naivität verwechselt.
Theorie dagegen? Theorie ist legitim.
Das ist keine neutrale Bewertung. Das ist eine Machtverteilung.
Das Muster kennst du vermutlich
Vielleicht bist du jemand, der Dinge klar spürt. Schnell wahrnimmt. Deutlich erkennt.
Und dein Leben lang hat man dich gefragt:
„Bist du dir da wirklich sicher?"
„Hast du das nicht vielleicht falsch verstanden?"
Vielleicht hast du gelernt, deine Wahrnehmung erst zu hinterfragen, bevor du sie aussprichst.
Vielleicht übersetzt du Gefühle mittlerweile automatisch in Theorie, damit sie ernst genommen werden.
Vielleicht bist du erschöpft davon.
Diese Kommentare triggern dich nicht, weil du überempfindlich bist.
Sie triggern dich, weil sie genau das wiederholen, was du schon kennst.
Sie nehmen deine Klarheit und machen sie fragwürdig.
Sie tun so, als wäre Nachdenken wertvoller als Wahrnehmen. Als wäre Differenzierung klüger als Eindeutigkeit.
Das nervt nicht nur. Das verletzt.
Weil es dich wieder dorthin schiebt, wo du dich erklären musst. Für etwas, das vorher klar war.
Was die Norm erwartet
Bleib freundlich. Antworte sachlich. Sei höflich.
Auch wenn der Kommentar deine Wahrnehmung untergräbt.
Auch wenn die Frage keine echte Frage ist, sondern eine versteckte Korrektur.
Auch wenn du spürst: Hier will jemand nicht verstehen, sondern belehren.
Bleib nett. Das ist die Regel.
Aber warum eigentlich?
Warum ist es unhöflich, eine Grenze zu ziehen, aber höflich, jemandes Erleben zu intellektualisieren?
Warum musst du freundlich bleiben, wenn jemand dein Gefühl zur Debatte macht?
Du musst nicht immer nett sein
Nicht aggressiv.
Nicht verletzend.
Nicht kämpferisch.
Aber nett? Nein.
Du darfst sagen: „Das ist mein Erleben, keine Theorie."
Du darfst schweigen.
Du darfst den Kommentar löschen, wenn es dein Raum ist.
Du musst nicht mitspielen.
Manche wollen aus deinem Erleben ein Argument machen. Eine Diskussion. Eine Analyse.
Du bist nicht verpflichtet, mitzugehen.
Das ist keine Einladung zur Härte. Es ist Erlaubnis zur Klarheit.
Klarheit ist nicht unhöflich. Grenze ist nicht Angriff.
Wenn jemand deine Wahrnehmung anzweifelt, darfst du sagen: Nein.
Wenn jemand aus deinem Gefühl eine Theoriedebatte machen will, darfst du sagen: Nicht mit mir.
Ruhig. Klar. Ohne Rechtfertigung.
Oft merken sie es nicht
Viele, die so kommentieren, meinen es nicht böse.
Sie haben gelernt: Nachfragen zeigt Interesse. Hinterfragen bedeutet Respekt. Differenzieren ist klug.
Aber Nachfragen kann auch übergriffig sein.
Hinterfragen kann auch kleinmachen.
Differenzieren kann auch zermürben.
Die Absicht spielt keine Rolle. Die Wirkung bleibt.
Was du nicht beweisen musst
Dein Gefühl braucht keine wissenschaftliche Grundlage.
Deine Klarheit braucht keine Theorie.
Dein Erleben ist gültig, auch ohne Analyse.
Das ist nicht anti-intellektuell. Das ist pro-Wahrnehmung.
Wenn dich das nächste Mal jemand fragt: „Aber ist das wirklich so?"
Dann darfst du antworten: „Für mich schon."
Oder gar nicht.
Beides ist okay.
Du darfst Grenzen setzen. Auch bei Menschen, die es nicht böse meinen.
Gerade bei denen.
Bleib bei dir
Davis