Schweigen ist nicht Abwesenheit

Schweigen ist nicht Abwesenheit

Im Wald gibt es Vögel, die den ganzen Tag singen. Und es gibt den Uhu, der wartet. Stundenlang. Bewegungslos. Bis der richtige Moment kommt.

Niemand sagt zum Uhu: “Du solltest dich mehr einbringen.”

Aber du hast das gehört. Im Meeting. In der Runde. In der Besprechung, die schon zu lange dauert und in der längst alles gesagt ist.

Die unausgesprochene Regel

In Besprechungen gibt es eine Regel, die niemand ausspricht:
Wer redet, ist da. Wer schweigt, ist abwesend.

Es zählt nicht, was du sagst.
Es zählt, dass du etwas sagst.
Regelmäßig. Sichtbar. Präsent.

Du kannst den gleichen Punkt wiederholen, den schon drei andere gemacht haben. Du kannst eine Frage stellen, deren Antwort auf der Hand liegt. Du kannst einfach nur zustimmen, laut, damit alle es hören.

Hauptsache, du redest. Hauptsache, man sieht dich.

Du wartest.
Du hörst zu.
Du denkst nach.

Du sortierst, was gesagt wird. Du überlegst, was wirklich wichtig ist. Was fehlt. Was noch nicht bedacht wurde.

Und wenn du etwas zu sagen hast, etwas Konstruktives, etwas, das weiterhilft, dann sagst du es.

Das ist deine Art.

Aber die Regel sagt: Das reicht nicht. Wer nur spricht, wenn er etwas zu sagen hat, spricht zu selten. Wer zu selten spricht, ist nicht engagiert. Wer nicht engagiert ist, ist nicht wertvoll.

Du bist wertvoll.
Du bist engagiert.
Du bringst dich ein.

Aber du wirst nicht gesehen.

Sie sehen jemanden, der still ist. Der sich nicht einbringt. Der passiv wirkt. Der vielleicht nicht interessiert ist. Oder nicht mitdenkt. Oder nicht dazugehört.

Sie sehen nicht, dass du zuhörst. Dass du analysierst. Dass du wartest auf den Moment, in dem dein Beitrag wirklich etwas bewegt.

Sie sehen nicht den Unterschied zwischen Schweigen und Abwesenheit.

Für sie ist Schweigen Abwesenheit.

Was das kostet

Es kostet, nicht gesehen zu werden.
Es kostet Anerkennung.
Es kostet Chancen.
Es kostet das Gefühl, dass das, was du tust, zählt.

Und eines Tages kostet es noch etwas anderes: dein Selbstvertrauen.

Du fängst an zu zweifeln.
Vielleicht sollte ich doch mehr reden.
Vielleicht sollte ich auch mal etwas sagen, auch wenn es nichts beiträgt.
Vielleicht ist meine Art falsch.

Manche lernen es dann.
Sie lernen zu reden, um zu reden.
Sie lernen, sichtbar zu sein, statt wertvoll zu sein.

Sie passen sich an.
Und ein Teil von ihnen geht dabei verloren.

Niemand sagt, dass nicht jede Stimme gleich viel Raum braucht. Dass nicht jeder Beitrag gleich viel wiegt. Dass Qualität nicht durch Quantität ersetzt werden kann.

Niemand sagt, dass jemand, der nur spricht, wenn er etwas zu sagen hat, oft mehr beiträgt als jemand, der ständig redet.

Dass Zuhören eine Fähigkeit ist.
Dass Abwarten klug sein kann.
Dass Zurückhaltung nicht Desinteresse ist.

Aber die Meetingkultur sieht das nicht. Sie misst Engagement in Redeanteilen. Sie bewertet Präsenz nach Lautstärke.

Und das ist das Problem.

Nicht du.

Die Realität

Dieser Text hat keine einfache Lösung. Weil es keine einfache Lösung gibt.

Du kannst dich anpassen. Lernen, mehr zu reden. Auch wenn es nichts beiträgt. Das ist ein Weg. Er funktioniert.
Aber er kostet.
Du kannst bleiben, wie du bist. Akzeptiere, dass du nicht immer gesehen wirst. Das ist auch ein Weg. Er ist ehrlicher.

Oder du suchst dir Umgebungen, in denen deine Art geschätzt wird. Wo Qualität mehr zählt als Quantität. Wo Schweigen nicht als Abwesenheit gelesen wird.

Die gibt es. Aber sie sind selten.

Du bist nicht falsch, weil du nur sprichst, wenn du etwas zu sagen hast.

Die Meetingkultur ist so gebaut, dass sie dich nicht sieht. Das ist nicht deine Schuld. Aber es ist deine Realität.

Vielleicht ist es Zeit zu akzeptieren: Nicht jede Umgebung ist für jede Art gemacht.

Manche Vögel singen den ganzen Tag. Manche warten auf den richtigen Moment.

Beide haben ihren Platz.

Aber nicht jeder Wald hört beide.


Bleib bei dir
Davis


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