Nicht kaputt, nur älter

Nicht kaputt, nur älter

Morgens am Küchentisch. Der Kaffee dampft. Du stehst auf. Das Knie knackt. Der Rücken meldet sich. Nicht dramatisch. Nur da.

Die ersten Krankheiten kommen nicht mit Fanfaren. Sie schleichen sich ein. Ein Ziehen hier. Ein Wert da.
Ein Befund, der nicht dramatisch klingt, aber auch nicht mehr egal ist.

Plötzlich meldet sich der Körper. Nicht mit einem großen Knall. Sondern mit kleinen Störungen, die bleiben. Mit Arztterminen, die man sich früher gespart hätte. Mit Sätzen wie: "Behalten wir im Blick." Oder: "Das ist altersentsprechend."

Dieses Wort. Altersentsprechend. Es sagt nichts. Und es sagt alles.

Der Maßstab der Jugendlichkeit

In einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit belohnt, wird Älterwerden als Defizit gelesen. Wo Belastbarkeit Standard ist, gilt jede körperliche Grenze als Schwäche. Wo der Körper als Leistungsmaschine verstanden wird, wird jede Störung zur persönlichen Angelegenheit.

Die Erwartung ist klar: Du sollst funktionieren. Durchhalten. Nicht nachlassen. Gesund bleiben. Fit bleiben. Jung bleiben.

Und wenn der Körper sich meldet?
Mit Schmerzen.
Mit Grenzen.
Mit Erschöpfung.
Dann gilt das nicht als normale Veränderung. Es gilt als Problem, das gelöst werden muss.

Gesundheit wird zur Leistung. Krankheit zur Abweichung.

Wer profitiert

Die Anti-Aging-Industrie lebt davon, dass du glaubst, Alter sei vermeidbar.

Sie verkauft dir Cremes gegen Falten, Supplements gegen Müdigkeit, Fitness-Programme gegen Abbau, Optimierungs-Coaches gegen Schwäche.

Immer die gleiche Botschaft: Du könntest jünger aussehen. Fitter sein. Besser funktionieren.

Die Optimierungskultur sagt: Wenn der Körper nicht mehr funktioniert, liegt das an dir.
Zu wenig Sport.
Zu viel Stress.
Falsche Ernährung.
Falsches Leben.

Das ist keine Analyse. Das ist Schuldzuweisung.

Die Fragen sind nicht falsch. Aber sie tragen eine Botschaft: Wenn der Körper nicht funktioniert, hast du etwas falsch gemacht. Nicht daran, dass Körper altern. Nicht daran, dass Gewebe ermüdet, Stoffwechsel sich verändert, Regeneration langsamer wird.

An dir.

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Die Leistungslüge

Die erste Krankheit ist selten das eigentliche Problem.
Das wahre Problem ist die Vorstellung, dass der Körper immer reparierbar ist. Dass ein bisschen Disziplin, Bewegung oder gute Absichten reichen.
Dass Kontrolle möglich ist, wenn man sich nur genug anstrengt.

Das ist die Lüge.
Die Lüge, dass Gesundheit planbar ist.
Die Lüge, dass Alter vermeidbar ist.
Die Lüge, dass du schuld bist, wenn der Körper sich verändert.

Wenn die ersten Krankheiten kommen, gerät dieses Bild ins Wanken. Plötzlich gibt es Grenzen, wo vorher keine waren. Plötzlich braucht der Körper mehr Ruhe. Mehr Rücksicht. Mehr Zeit.

Und genau hier entsteht die Reibung.
Nicht mit dem Körper selbst.
Sondern mit der inneren Stimme, die sagt: Das darf nicht sein. Nicht jetzt. Nicht so früh. Nicht bei dir.

Das ist die Stimme der Leistungskultur.

Die Natur kennt keine Norm

Ein Baum im Wald wächst langsamer, wenn der Boden weniger Nährstoffe hat. Das ist keine Schwäche.
Das ist Anpassung an den Kontext.

Ein Fluss ändert seinen Lauf, wenn sich das Gelände verschiebt. Das ist kein Versagen.
Das ist Bewegung mit den Gegebenheiten.

Die Natur kennt keine Norm von "richtig altern". Sie kennt nur Veränderung.
Dein Körper altert nicht falsch.
Er altert.

Das ist keine Philosophie. Das ist Biologie.

Aber in einer Kultur, die Alter pathologisiert, wird jede körperliche Veränderung zum stillen Rechtfertigungsanlass.

Der Optimierungsdruck

Viele versuchen, diese Unsicherheit sofort zu überdecken.
Mit Optimierungsplänen.
Mit neuen Routinen.
Mit der Idee, dass man nur konsequent genug sein müsse.

Das funktioniert manchmal. Und manchmal nicht.
Dann bleibt etwas Ungelöstes zurück.

Nicht jede Krankheit ist eine Botschaft. Nicht jedes Symptom ist ein Zeichen, dass etwas falsch gemacht wurde. Manche Dinge passieren. Punkt.

Das anzuerkennen, fühlt sich zuerst wie Aufgeben an. Ist es aber nicht. Es ist Realismus. Und oft der Beginn von etwas Ehrlicherem.

Die eigentliche Frage

Was, wenn das Problem nicht der Körper ist, sondern die Erwartungen, an denen er gemessen wird?
Was, wenn die erste Krankheit nicht das Ende von etwas ist, sondern der Beginn einer anderen Art, im Körper zu sein?

Die Optimierungskultur sagt: Du musst zurückkämpfen. Zu dem, was war. Zu der Belastbarkeit, die du hattest. Zu der Jugendlichkeit, die du verloren hast.

Das ist Bullshit.

Der Körper darf sich verändern. Er darf Grenzen haben. Er darf müde sein. Das ist kein Versagen. Das ist Leben.

Was Anders richtig bedeutet

Anders richtig heißt hier nicht, Krankheit schönzureden. Oder sie als Geschenk zu verklären.

Anders richtig heißt: Du musst nicht erst wieder "ganz" werden, um würdig zu sein.
Du musst dich nicht optimieren, um dazuzugehören.
Du darfst menschlich sein, auch mit Einschränkungen.

Das ist keine Schwäche. Das ist Ehrlichkeit.
Ehrlichkeit darüber, dass Körper endlich sind.
Ehrlichkeit darüber, dass Kontrolle eine Illusion ist.
Ehrlichkeit darüber, dass Leben nicht bedeutet, immer zu funktionieren.

Was bleibt

Wenn die ersten Krankheiten kommen, verlieren manche Dinge ihre Schärfe. Andere werden klarer.

Du musst dich nicht optimieren.
Du musst nicht zurückkämpfen zu dem, was war.
Du musst nicht beweisen, dass du noch belastbar genug bist.

Der Körper darf sich verändern.
Und das ist nicht das Ende von etwas. Das ist ein Übergang. Nicht in ein schlechteres Leben.
Sondern in ein ehrlicheres.

Eines, das nicht davon lebt, alles im Griff zu haben. Sondern davon, da zu sein. Mit dem, was ist.

Das Problem bist nicht du.
Das Problem ist eine Kultur, die Alter als Defizit liest.
Und eine Industrie, die daran verdient.

Anders richtig

Davis


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