Mit 56 eine Gehaltsstufe runter?
Jahrelang habe ich im öffentlichen Dienst gearbeitet. Verschiedene Stationen. Verschiedene Projekte. Ich verdiene mittlerweile auf einem guten Niveau, ohne je studiert zu haben.
Das gilt dann wohl als Karriere. Mir egal. Ich hab einfach meinen Job gemacht.
Aber es fühlte sich nie ganz richtig an.
Nie so, dass ich morgens aufstehe und denke: Ja. Genau das.
Gerade sitze ich in einem Projekt, das mich auszehrt. Zu viele Menschen, mit denen ich nicht harmonisiere.
Zu viel Chaos.
Zu viele falsche Entscheidungen, die andere treffen und ich ausbaden muss.
Ich merke, wie mich das schlaucht. Nicht die Arbeit selbst, sondern der ganze Zirkus drumherum.
Das Funktionieren in einem System, das so gar nicht meine Manege ist.
Mit 56 stellt sich mir jetzt also eine Frage, die ich nicht mehr wegschieben kann:
Was habe ich davon?
Ich verdiene gutes Geld, das ist okay.
Aber was ist mit dem Rest?
Mit den Tagen, an denen ich funktioniere, aber nicht lebe?
Mit der Erschöpfung, die nicht vom Arbeiten kommt, sondern vom Verbiegen?
Ich habe schon vor einiger Zeit über Menschen geschrieben, die nicht aufsteigen wollen.
Über das Muster.
Über den gesellschaftlichen Druck.
Über die Erwartung, dass Karriere nur eine Richtung kennt: nach oben.
Jetzt bin ich selbst an diesem Punkt.
Eine Stellenausschreibung. Intern. Eine Gehaltsstufe niedriger als jetzt.
Aber näher an dem, was ich gerne mache.
Andere Verantwortung. Weniger von dem, was mich kostet.
Ich klicke auf "Bewerben".
Keine Erleuchtung. Kein dramatischer Moment. Nur eine Entscheidung. Basta.
Das Bewerbungsgespräch ist seltsam unkompliziert. Die potenzielle neue Chefin fragt: "Warum wollen Sie diese Stelle?"
Ich sage es, wie es ist: "Weil sie näher an dem ist, was ich gerne mache. Und weil ich keine Lust mehr habe, nur für Geld zu arbeiten."
Sie nickt. Die anderen nicken auch. Keiner fragt nach. Keiner sagt: "Aber Sie könnten doch mehr."
Ich bekomme den Job.
Die Reaktionen von außen kommen trotzdem. Nicht laut. Aber da.
"Ist alles okay?" "Bist du sicher?" "Hast du dir das gut überlegt?"
Als wäre die Entscheidung gegen mehr Geld automatisch eine gegen Vernunft. Als müsste etwas Schlimmes passiert sein, damit ich das mache.
Aber es ist nichts Schlimmes passiert.
Ich bin nur müde.
Müde vom Verbiegen.
Müde vom Funktionieren in einem Rahmen, der nie ganz meiner war.
Ich weiß, was diese Entscheidung kostet. Geld. Klar. Etwa 200 € netto im Monat.
Vielleicht auch Sichtbarkeit. Aber wer mich kennt, weiß: Darauf kann ich gerne verzichten.
Wer nicht aufsteigt, wird anders gesehen. Wer einen Schritt zurückgeht, irritiert.
Manchmal kratzt es am Selbstvertrauen.
Weil der Maßstab dann immer noch laut genug ist, um Zweifel zu säen.
Weil ich mich dann immer noch frage: "Machen die anderen es richtig und ich falsch?"
Aber ich weiß auch, was es kostet, wenn ich weitermache wie bisher.
Gesundheit. Zeit. Energie. Und das Gefühl, dass mein Leben mir gehört.
Mit 56 habe ich keine Lust mehr auf Selbstverrat auf Raten.
Den Vertrag habe ich heute signiert. Versetzung zum 01. März 2026.
Ich weiß nicht, ob das eine kluge Entscheidung war.
Ich weiß nur, dass sie sich richtiger anfühlt als alles, was vorher war.
Das hier ist keine Anleitung.
Kein "Mach es wie ich".
Das ist nur meine Erfahrung. Mein Leben. Mein Weg.
Nicht jede Karriere muss nach oben gehen.
Nicht jedes Leben muss sich an Gehaltsstufen messen lassen.
Das ist keine Rebellion. Das ist nur Konsequenz.
Bleib bei dir
Davis
Wenn dir gefällt, was ich mache, darfst du mir gerne einen symbolischen Kaffee spendieren.
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