Ich kündige nicht.
Warum ein Wildnispädagoge seinen Job bei Dataport behalten wird
Im Winter wirkt ein Baum wie leer.
Kahl. Still. Keine Blüten, keine Früchte. Wer ihn nicht kennt, könnte meinen, er leiste gerade nichts.
Doch er ist nicht untätig.
Seine Arbeit geschieht im Verborgenen. Unter der Erde halten die Wurzeln.
Die Verbindungen bleiben bestehen. Die Struktur trägt weiter.
Ich arbeite bei Dataport in der IT. Öffentlicher Dienst.
Und ich bin Wildnispädagoge, Coach für Logotherapie & Existenzanalyse und psychologischer Berater.
Doch am liebsten schreibe ich. Über Systeme, die zu eng geworden sind. Über Maßstäbe, die Menschen kleinrechnen.
Über eine Industrie, die Persönlichkeiten in Projekte verwandelt und Leben in Kennzahlen presst.
Und dann kommt die Coaching‑Szene und ruft: "Das passt nicht zusammen." "Entscheide dich."
"Kündige. Befreie dich. Geh all in."
Wieder ein Maßstab
Es gibt ein klares Bild davon, wie der echte Unternehmer aussieht.
Er kündigt. Er verbrennt die Brücken. Er lebt von seiner Arbeit. Komplett, ohne Netz und doppelten Boden. Ohne eine ach so bequeme Rückzugsposition.
Alles andere gilt als Halbherzigkeit. Als Angst. Als fehlendes Vertrauen in sich selbst.
Als wäre Sicherheit der Feind von Bedeutung.
Als wäre ein Gehalt der Beweis, dass du es nicht ernst meinst.
Als könnten Dinge nur dann wirklich zählen, wenn du alles riskiert hast.
Das ist kein Naturgesetz.
Das ist ein Verkaufsargument.
Die „Folge deiner Leidenschaft“-Industrie lebt davon, dass du unzufrieden bleibst.
Sie braucht den Glauben:
So wie es jetzt ist, reicht es nicht. Du musst dich entscheiden. Du musst springen.
Und damit du dich traust und am besten gleich den perfekten Sprung hinlegst, verkaufen sie dir Kurse, Programme, bezahlte Communitys.
Und wenn du richtig weichgekocht bist, gibt’s noch ein Hochpreis‑Coaching obendrauf:
„In 90 Tagen zu deinem eigenen Business.“
5500 Euro.
Als wäre dein Leben ein Sprint und kein Organismus.
Was die Coaching-Industrie verschweigt
Sie sagt:
"Springe. Das Netz erscheint."
Sie sagt nicht:
"Wer springt, muss fallen lernen. Und Fallen kostet."
Sie sagt:
"Dein Gehalt ist deine goldene Handschelle."
Sie sagt nicht:
"Wer keine Handschellen trägt, ist manchmal einfach haltlos."
Sie verkauft dir das Bild eines freien, unabhängigen, komplett ausgerichteten Menschen.
Einer Person, die alles auf eine Karte setzt.
Eine, die für die eigene Sache brennt.
Eine, die angeblich keine Kompromisse macht.
Und dann zeigt sie dir, wie du genau so wirst.
Als wäre Persönlichkeit ein DIY‑Projekt mit Anleitung und Rückgaberecht.
Das ist das Geschäftsmodell:
Erst den Maßstab setzen. Dann die Lösung verkaufen.
"So wie du bist, reicht es nicht. Aber ich zeige dir, wie du wirst, wie du sein sollst."
Was wirklich passiert
Ich rieche den Wald, bevor ich ihn sehe.
Und in dem Moment sinkt etwas in mir ab. Der Stresslevel. Die Enge. Das Tempo, das ich den ganzen Tag mitgetragen habe.
Mein Kopf wird frei. Ich kann wieder atmen.
Mein Tinnitus meckert weiter. Der Wald ist kein Heilmittel. Er ist kein Rückzugsort vor dem Leben.
Er ist das Gegenteil: Er stellt mich mitten hinein.
In etwas, das ohne mich funktioniert. Das mich nicht braucht, um zu bestehen. Und mich trotzdem aufnimmt. Immer.
Das ist das Wort: eingebunden.
Nicht aufgelöst. Nicht vereinnahmt. Eingebunden.
Ich bin Teil von etwas, ohne dafür performen zu müssen. Ohne mich erklären zu müssen. Ohne Optimierung.
Logotherapie hat mir die Sprache dafür gegeben. Viktor Frankl sagt: Der Mensch sucht nicht Glück. Er sucht Sinn. Und Sinn entsteht nicht durch Selbstfindung, sondern durch Eingebundensein. In etwas, das größer ist als ich.
Der Wald zeigt mir das. Jedes Mal wieder.
Und dann gehe ich an meinen Rechner.
IT. Systeme, Strukturen, Prozesse. Öffentliche Verwaltung. Digitalisierung. Unsichtbare Infrastruktur, die funktioniert, damit andere sich darauf verlassen können.
Das ist kein Widerspruch zum Wald. Das ist dieselbe Logik.
Eingebunden sein in etwas, das trägt. Unsichtbar arbeiten, damit andere stehen können. Systeme verstehen, nicht reparieren, verstehen.
Derselbe Blick. Und derselbe Mensch.
Noch etwas.
Ich mag meinen Job.
Das darf ich eigentlich nicht sagen. Nicht in dieser Welt, in der jeder seine Passion lebt und sein Warum gefunden hat.
Aber es stimmt.
Ich arbeite mit Menschen, die ich schätze. Die wissen, was sie tun. Die nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten.
Das ist seltener, als es klingen mag.
Ich arbeite für einen Arbeitgeber, der sich kümmert. Nicht als Marketing-Aussage. Sondern konkret, im Alltag, wenn es darauf ankommt.
Und ich arbeite an etwas, das zählt. Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Das klingt nach Bürokratie. Aber es ist das Gegenteil.
Es geht darum, dass Prozesse funktionieren, auf die Menschen angewiesen sind. Nicht für Profit. Für Verlässlichkeit.
Das ist Sinn. Nicht, weil ich ihn mir eingeredet habe. Sondern weil er da ist.
Die Coaching-Industrie braucht, dass du deinen Job hasst.
Sie braucht die stille Unzufriedenheit.
Den Gedanken: "Eigentlich könnte es mehr sein."
Wenn du zufrieden bist, kaufst du nicht.
Ich kaufe nicht.
Der Wald braucht Wurzeln
Ein Baum ohne Wurzeln fällt beim ersten Sturm.
Das klingt einfach. Aber die Coaching-Industrie dreht es um:
"Deine Sicherheit hält dich klein. Deine Verwurzelung hält dich fest."
Als wären Wurzeln Fesseln.
Dabei sind Wurzeln das, was Höhe erst möglich macht. Ein Baum wächst nach oben, weil er nach unten gehalten wird. Nicht obwohl.
Mein Job ist eine Wurzel.
Er gibt mir Stabilität. Verlässlichkeit.
Er gibt mir die Freiheit, in meiner anderen Arbeit keine Zahlen zu brauchen, die mich ernähren müssen.
Das ist kein Kompromiss. Das ist Struktur.
Viktor Frankl hat das Konzentrationslager überlebt. Nicht, weil er optimiert hat, sondern weil er Sinn hatte. Dieser Sinn brauchte keine besonderen äußeren Bedingungen. Er brauchte nur Klarheit darüber, wofür.
Ich weiß, wofür.
Die Reibung
Ich bin 56. Ich habe zwei Enkel. Das System hat eine Meinung dazu.
"Mit 56 noch etwas aufbauen? Hätte man früher machen sollen."
Oder:
"Wenn du es wirklich ernst meinst, gibst du alles."
Oder die freundliche Variante:
"Chapeau, aber ...."
Das ist der Maßstab: Vollgas oder nichts. Ganz oder gar nicht. Entweder – oder.
Die Natur kennt das nicht.
Ein Fluss fließt langsam auf flachem Gelände. Niemand nennt das Ineffizienz.
Ein Baum wächst schief, wenn der Boden schräg ist. Das ist keine Fehlfunktion. Das ist Antwort auf Kontext.
Mein Kontext ist: öffentlicher Dienst, Wildnis, Logotherapie, zwei Enkel, begrenzte Zeit, klarer Sinn.
Das ist mein Boden. Ich wachse darin.
Ich kündige nicht.
Nicht weil ich Angst habe zu springen. Sondern weil es keinen Grund gibt, zu springen.
Der Wald braucht keine Entscheidung zwischen Wurzel und Krone.
Ich auch nicht.
Anders richtig. Punkt.
Davis
Comments ()