Ich bin fett. Du bist ignorant.
Ich sitze in einem Café.
Nebenan zwei Frauen. Sie reden über eine Dritte.
Zu dick.
Zu alt.
Zu wenig gepflegt.
Sie sagen es nicht laut. Aber laut genug.
Und ich denke:
Wie viele Privilegien benötigt man eigentlich, um sich das Recht zu nehmen, andere Menschen wie Möbelstücke zu bewerten?
Der Maßstab als Waffe
In einer Gesellschaft, die Körper wie Ware behandelt, passiert etwas Tückisches:
Diejenigen, die gerade noch ins Raster passen, werden zu Richtern über die, die es nicht tun.
Nicht aus Boshaftigkeit.
Aus Bequemlichkeit.
Wer selbst nicht bewertet wird, merkt oft nicht, dass er bewertet.
Wer nie erklärt werden musste, hält Erklärungen für selbstverständlich.
Wer nie abgewogen wurde, wiegt andere wie Ware.
Das ist kein böser Wille.
Das ist Privilegienblindheit.
Und trotzdem richtet es Schaden an.
Was du über dich verrätst, wenn du über mich sprichst
Menschen, die über Körper urteilen, halten sich oft für ehrlich.
Für direkt.
Für jemanden, der „die Dinge beim Namen nennt“.
Was sie dabei verraten, ist kein Urteil über einen Körper.
Sondern ihren eigenen Charakter.
Solange du dünn genug bist, ist Dicksein faul.
Solange du jung genug bist, ist Altern Nachlässigkeit.
Solange du der Norm entsprichst, ist Abweichung Diskussionsmaterial.
Das ist keine Meinung.
Das ist Machtausübung im Kleinformat.
Und nein, das ist nicht „nur ein Gedanke“.
Es ist die tägliche Rechtfertigung eines Systems, in dem manche Menschen als Standard gelten und andere als Abweichung.
Ich bin fett und hässlich
Das sage ich nicht, um Mitleid zu bekommen.
Ich sage es, weil diese Worte Realität sind.
Realität in einer Welt, die Körper taxiert wie Gebrauchtwagen.
Und du.
Du glaubst, mein Körper wäre ein Argument gegen mich.
Du denkst, Schönheit wäre Moral.
Du nimmst dir das Recht, über etwas zu urteilen, das dich nichts angeht.
Nicht, weil du böse wärst.
Sondern weil dir nie jemand gesagt hat:
Halt die Fresse.

Privilegien erkennt man daran, dass sie unsichtbar bleiben
Wer nie für seinen Körper angegriffen wurde, hält Bewertung für harmlos.
„War doch nur Spaß.”
„Muss man ja noch sagen dürfen.”
„Andere sind doch auch so.”
Aber Bewertung ist nie harmlos, wenn sie von oben kommt.
Von oben heißt:
Von der Position aus, die nicht betroffen ist.
Die sich herausnehmen kann, zu kommentieren, weil sie selbst nie kommentiert wird.
Das ist keine Meinung.
Das ist eine Machtposition.
Und wer aus dieser Position heraus spricht, sollte wissen:
Du redest nicht über Körper.
Du übst Macht aus.
Was der Wald nicht kennt
Ich stehe zwischen Bäumen.
Keiner ist gerade.
Keiner ist symmetrisch.
Keiner entspricht einem Ideal.
Und keiner bewertet den anderen.
Die Natur kennt keinen Maßstab.
Nur Menschen erfinden den und halten ihn dann für Wahrheit.
Und dann sitzen sie im Café und reden über andere, als hätten sie das Recht dazu.
Was du verlierst, wenn du so weitermachst
Du kannst weiter urteilen.
Weiter taxieren.
Weiter messen.
Aber du solltest wissen:
Mit jedem Urteil über einen anderen Körper sagst du nicht etwas über den Körper.
Du sagst etwas über deine eigene Enge.
Menschen, die ständig bewerten, leben in einem engen Rahmen.
Einem Rahmen, in dem Körper Argumente sind.
In dem Aussehen Wert definiert.
Indem du selbst eines Tages nicht mehr genügst.
Denn der Maßstab, den du anlegst, wird dich einholen.
Das Alter kommt.
Eine Krankheit.
Ein Unfall.
Eine Depression, die den Körper verändert.
Eine sichtbare Erschöpfung.
Eine Lebenskrise, die Spuren hinterlässt.
Keiner bleibt verschont.
Und plötzlich bist du das, was du bewertet hast.
Dann sitzt du da.
Mit deinen eigenen Worten im Kopf.
Und merkst: Du warst nie frei.
Du warst nur noch nicht dran.

Was hier stehen bleibt
Mein Körper ist meiner.
Mit allen Narben.
Mit aller Fülle.
Mit allem, was du hässlich nennst.
Und er trägt mich durch ein Leben, das du nicht kennst.
Durch Erfahrungen, die du nicht teilst.
Durch eine Realität, die dir erspart bleibt.
Das ist kein Privileg.
Aber es ist meins.
Und du.
Du bleibst der Mensch, der glaubt, Aussehen wäre Argument.
Der glaubt, Norm wäre Wahrheit.
Der glaubt, Bewertung wäre harmlos.
Bis du selbst betroffen bist.
Dann reden wir noch einmal.
Ein letzter Satz
Ich gehe raus.
In die Kälte.
Zu den Dingen, die mich nicht vermessen.
Und dort bin ich alles andere als falsch.
Bleib bei dir.
Davis
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