Gegen das Bild
Warum du dich rechtfertigst, obwohl du nichts getan hast.
Du sitzt bei einem Essen. Familie. Jemand fragt, was du am Wochenende gemacht hast. Du sagst: „Nichts Besonderes. Ich bin zu Hause geblieben.“
Die Pause, die folgt, kennst du.
Dann kommt es. „Gar nichts? Du warst die ganze Zeit allein zu Hause?“
Du hörst die Frage hinter der Frage. Du spürst, wie sich etwas in dir anspannt. Und bevor du es merkst, fängst du an zu erklären:
Dass du gelesen hast.
Dass du spazieren warst.
Dass du nachgedacht und Ordnung gemacht hast.
Dass das gar nicht so nichts war, wie es klingt.
Du rechtfertigst dich.
Nicht laut. Nicht aggressiv. Aber du tust es.
Sobald du anfängst, dich zu rechtfertigen, bist du schon nicht mehr gemeint.
Dann sprichst du nicht mehr aus dir heraus, sondern gegen ein Bild von dir.
Ein Bild, das jemand anderes in seinem Kopf trägt.
Ein Bild, das du nicht kennst, das du nie gesehen hast, gegen das du dich trotzdem verteidigst.
Das Muster ist immer gleich.
Du antwortest nicht auf die Frage. Du antwortest auf den Ton. Auf die kleine Pause davor.
Auf die hochgezogene Augenbraue.
Auf das, was du in der Stimme hörst.
Auf das, was du vermutest, was der andere denkt.
Du versuchst, ein Missverständnis zu korrigieren, das vielleicht gar nicht existiert.
Oder das existiert, aber nicht dein Problem ist.
Die Gesellschaft hat klare Vorstellungen davon, was normale Wochenenden sind. Was normale Leute tun. Wie viel Alleinsein okay ist. Wie viel zu viel ist.
Wer allein ist, muss das erklären.
Wer anders ist, muss das begründen.
Wer nicht mitmacht, muss Gründe liefern.
Das ist die unausgesprochene Regel. Du darfst anders sein, wenn du gute Argumente hast. Wenn du dich gut genug erklärst. Wenn du zeigst, dass es nicht Schwäche ist, sondern Stärke. Nicht Flucht, sondern bewusste Entscheidung. Nicht Unfähigkeit, sondern Präferenz.
Als müsste Anderssein vor Gericht.
Als bräuchte es eine Genehmigung.
Aber das ist nicht das eigentliche Problem.
Das Problem ist:
Sobald du in die Rechtfertigung gehst, verlierst du dich. Du verlässt deine Stimme. Du sprichst nicht mehr aus deiner Erfahrung, sondern versuchst, dich in ein fremdes Raster zu pressen. Du nimmst die Perspektive des anderen ein, siehst dich von außen, durch seine Augen, und erklärst, warum das, was er sieht, nicht stimmt.
Du kämpfst gegen ein Bild.
Nicht gegen eine Person.
Gegen eine Vorstellung.
Und diesen Kampf kannst du nicht gewinnen. Weil das Bild nicht deins ist. Weil du es nicht kontrollierst.
Weil du nicht weißt, was in diesem Bild alles mitschwingt.
Welche Ängste.
Welche eigenen Muster.
Welche Projektionen.
Du verteidigst dich gegen etwas, das gar nicht mit dir zu tun hat.
Es gibt einen Moment, in dem die Rechtfertigung beginnt. Du spürst ihn. Der Impuls, dich zu erklären. Die kleine Anspannung im Brustkorb. Der Satz, der sich schon formt, bevor du weißt, dass du ihn aussprechen wirst.
In diesem Moment hast du eine Wahl:
Du kannst in die Rechtfertigung gehen. Dich erklären. Argumentieren. Darlegen, warum dein Leben so ist, wie es ist. Warum du Entscheidungen triffst, die für dich richtig sind.
Oder du kannst bleiben.
Bei dir.
In deiner Stimme.
Und einfach sagen: So ist es.
Nicht trotzig. Nicht aggressiv. Nicht als Kampfansage.
Einfach: So ist es.
Keine Erklärung. Keine Argumente. Keine Rechtfertigung.
Das ist schwer. Weil es sich anfühlt wie Unhöflichkeit. Wie Verweigerung. Wie Abbruch.
Aber es ist keine Unhöflichkeit.
Es ist Klarheit.
Du darfst sein, ohne dich zu rechtfertigen.
Du darfst Entscheidungen treffen, die keiner versteht.
Du darfst ein Leben führen, das nicht in fremde Vorstellungen passt. Ohne es zu begründen. Ohne es zu verteidigen. Ohne dich kleiner zu machen, damit andere sich wohler fühlen.
Das Problem ist nicht, dass du anders bist.
Das Problem ist die Norm, die verlangt, dass Anderssein erklärt wird.
Wer sich rechtfertigt, hat schon verloren.
Nicht den Streit.
Sondern sich selbst.
Bleib bei dir.
Davis