Führung ist kein Egoticket. Führung ist Aufmerksamkeit
Wenn die Rolle größer ist als der Mensch
Na, dann bin ich ja jetzt quasi dein Vorgesetzter.“
Der Satz fällt nebenbei. In einer Besprechung. Zwischen zwei Agenda-Punkten.
Jemand hat gerade eine neue Rolle bekommen. Projektkoordination. Schnittstellenmanagement, Teilprojektleitung. Verantwortung für Abläufe, nicht für Menschen.
Und dann dieser Satz.
Mit einem Lächeln, das sagen will: Das wird jetzt interessant, oder?
Ich lächle zurück.
Und merke: Er hat nicht verstanden, was gerade passiert ist.
Es gibt Menschen, die führen wollen, bevor sie verstanden haben, was Führung ist.
Er ist der Typ, der dir den Weg erklärt, obwohl du die Gegend besser kennst als er.
Nicht aus Arroganz. Nicht aus Böswilligkeit.
Einfach, weil er dachte, das gehört jetzt dazu. Punkt.
Und wenn du ihm später sagst, dass du einen anderen Weg gemeint hattest, nickt er verständnisvoll und sagt: „Kein Problem. Beim nächsten Mal nehmen wir deinen.” Während du im Kopf nachrechnest, wie viel Zeit gerade verloren ging.
Manche Menschen meinen es gut. Sie sehen nur nicht, was sie übersehen.
Im Team ist er präsent. Redet mit. Hat Ideen. Ist motiviert.
Manchmal zu schnell. Manchmal zu laut.
Manchmal einen Schritt zu weit vorn.
Herz groß. Timing klein.
So bewegt er sich durch Projekte wie durch einen Raum voller Menschen: Er grüßt, er spricht, er bietet Unterstützung an, bevor klar ist, ob überhaupt jemand Unterstützung benötigt.
Und dann bekommt er eine neue Rolle. Nichts Großes. Eine Koordinationsaufgabe. Jemand muss den Überblick behalten, Termine synchronisieren, Schnittstellen moderieren.
Das ist die Rolle.
Aber in seinem Kopf verschiebt sich etwas.
Plötzlich ändert sich die Sprache
Vorher: „Wir sollten das abstimmen.”
Jetzt: „Ich koordiniere das dann mit den Beteiligten.“
Vorher: „Das Team hat entschieden.”
Jetzt: „Ich habe das so festgelegt.”
Vorher: „Wir.”
Jetzt: „Ich. Meine.”
Es sind Nuancen. Kleine Verschiebungen in der Wortwahl.
Aber Sprache ist nicht nur Kommunikation. Sprache ist Haltung.
Und die Haltung hat sich verändert.
Es gibt Momente, da hört man einen Satz und weiß sofort, wie viel innere Reife dahintersteckt.
Rollen können größer wirken als Menschen.
Und manche füllen die Rolle dann mit dem, was sie für Führung halten.
Nicht mit dem, was Führung braucht.
Unser „quasi-Vorgesetzter“ verwechselt
- Koordination mit Hierarchie
- Verantwortung für Prozesse mit Macht über Menschen
- Eine Rolle mit einer Rangerhöhung
Das Problem ist nicht sein Charakter. Er ist wirklich kein schlechter Mensch. Er ist engagiert, hilfsbereit, meint es ernst.
Das Problem ist: Er will etwas sein, bevor er verstanden hat, was es bedeutet.
Führung ist kein Besitz. Führung ist auch kein Status. Führung ist Verantwortung.
Sie beginnt nicht mit „unter mir“.
Sie beginnt mit „mit uns“.
Sie beginnt nicht mit „Ich habe entschieden“.
Sie beginnt mit „Wie kommen wir gemeinsam weiter?”
Führung ist kein Egoticket. Führung ist Aufmerksamkeit.
Wer führen will, muss zwei Dinge verstehen:
- Das andere anders funktionieren als ich selbst
- Dass meine Art zu sein vielleicht nicht zu dieser Verantwortung passt
Es gibt Menschen, die Energie mitbringen, wo vorher Stillstand war.
Die vorangehen, wo andere zögern.
Die zupacken, wo andere abwarten.
Das ist nicht falsch. Das ist wertvoll.
Aber Führung ist nicht Vorangehen.
Führung ist Verbinden.
Führung ist nicht Zupacken.
Führung ist Wahrnehmen.
Der Wald macht das anders
Wenn ein Leittier sich bewegt, dann schaut es zurück. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Verbundenheit.
Es prüft, ob die anderen folgen können. Ob die anderen folgen wollen.
Echte Führung läuft nicht voraus und erwartet, dass schon jemand nachkommt. Echte Führung achtet darauf, dass der Weg für alle gangbar ist.
Das Leittier sagt nicht „mein Rudel“.
Es lebt „unser Weg“.
Vielleicht muss niemand perfekt sein
Aber wer Verantwortung übernimmt, für Abläufe, für Projekte, für Menschen, sollte wenigstens wissen, wo er selbst steht.
Und wohin er will. Und ob die anderen überhaupt mitkommen können.
Und vielleicht ist das die größte Reife:
Nicht zu wissen, dass man etwas kann.
Sondern zu wissen, ob man es sollte.
Es gibt Rollen, in denen ist seine Energie goldrichtig. In denen ist sein Antrieb genau das, was gebraucht wird.
Aber manche Rollen benötigen keine Energie.
Sie brauchen Ruhe.
Sie brauchen Weitsicht.
Sie brauchen die Fähigkeit, zurückzutreten, statt vorzupreschen.
Und die wahre Größe wäre, das zu erkennen.
Und zu sagen: „Vielleicht bin ich hier nicht richtig. Nicht, weil ich falsch bin. Sondern weil meine Art zu sein hier nicht das ist, was gebraucht wird.“
Das wäre Führung. Das wäre Reife. Das wäre Stärke.
Aber dafür müsste er erst verstehen, was Führung ist.
Führung ist kein Egoticket.
Führung ist Aufmerksamkeit.
Bleib bei dir.
Davis
Ich habe das erlebt. Nicht einmal. Mehrfach. In unterschiedlichen Rollen. Und jedes Mal dieselbe Frage:
Warum will jemand führen, der nicht versteht, was Führung ist?
Dieser Text ist kein Urteil.
Er ist eine Beobachtung.
Und vielleicht ein Appell: Bevor du eine Rolle annimmst, frag dich, ob sie zu dir passt.
Nicht, ob du sie kannst. Sondern ob du sie solltest.
Das gilt auch für mich.
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