Frankl, Young und der Maßstab
Ich sitze an meinem Schreibtisch.
Vor mir liegt ein Buch von Viktor Frankl, daneben eines von Jon Young.
Zwei Menschen, die erst mich und dann auch meine Arbeit geprägt haben, ohne dass sie je versucht hätten, mich zu formen oder mir einen Weg vorzuschreiben.
Beide stehen für Haltungen, nicht für Methoden.
Und beide haben etwas gemeinsam, das mir erst im Rückblick klar wurde.
Sie verschieben nicht den Menschen.
Sie verschieben den Maßstab, an dem Menschen gelesen, oder sogar gemessen, werden.
Viktor Frankl
Viktor Frankl habe ich nie getroffen. Er starb lange bevor ich verstand, dass meine Fragen keine privaten Marotten waren, sondern Reibungspunkte mit einer Welt, die sehr genau weiß, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat.
Ich kenne ihn nur über seine Texte.
Und trotzdem haben sie meine Art zu denken nachhaltiger geprägt als vieles, was mir begegnet ist.
Die Selbsthilfe-Industrie verkauft Glück.
Die Coaching-Kultur verkauft positive Mindsets.
Die Optimierungskultur sagt: Sei dankbar. Sei achtsam. Sei erfüllt.
Frankl sagt: Der Maßstab Glück ist zu eng.
Der Mensch kann fast alles ertragen, wenn er weiß, wofür.
Nicht weil es leichter wird.
Sondern weil es tragfähig wird.
Sinn kann nicht optimiert werden.
Er lässt sich nur finden, oft unter Bedingungen, die alles andere als angenehm sind.
Das verkauft sich nicht gut.
Deshalb redet die Glücks-Industrie lieber über Dankbarkeitstagebücher.
Über Achtsamkeits-Apps.
Über die beste Version deiner selbst.
Fuck that.
Jon Young
Jon Young habe ich tatsächlich kennenlernen und erleben dürfen.
Zwei Wochenenden lang, draußen im Wald.
Nicht als Lehrer, der Inhalte vermittelt, sondern als jemand, der aufmerksam schaut und nichts vorschnell einordnet.
Er sprach über Vögel, Spuren, Landschaft. Hat Geschichten erzählt, mit uns Lieder gesungen und getanzt.
Aber das Entscheidende lag nicht im Wissen, sondern in der Art, wie er wahrnahm. Seine Sicht auf die ganz ursprüngliche Welt hat mein ganzes Leben verändert.
Jon Young zeigt etwas, das radikal ist, gerade weil es so unspektakulär ist.
Wenn er einen schiefen Baum betrachtete, war da kein Gedanke von Abweichung oder Mangel. Der Baum wuchs so, weil Boden, Licht und Umgebung es verlangten. Nicht trotz der Umstände, sondern wegen ihnen.
Diese Haltung ist unspektakulär.
Und genau deshalb radikal.
Die Wildnis kennt keine Norm. Sie kennt nur Zusammenhang.
Ein Fluss fließt langsam, wenn das Gelände flach ist.
Ein Baum wächst krumm, wenn der Stand es verlangt.
Das ist keine Abweichung.
Das ist Anpassung an den Kontext.
In unserer Gesellschaft funktioniert diese Logik nicht.
Hier gibt es klare Maßstäbe.
Für Körper, für Lebensentwürfe, für Tempo, für Leistung.
Abweichung wird persönlich gelesen.
Als Schwäche. Als Defizit.
Als etwas, das korrigiert werden muss.
Die Coaching-Industrie sagt dann:
Arbeite an dir. Passe dich an. Werde die beste Version deiner selbst.
Frankl und Young setzen genau hier an, auf unterschiedliche Weise.
Frankl sagt, der Maßstab Glück sei zu eng und verfehle das Eigentliche.
Die entscheidende Frage sei der Sinn.
Young zeigt, dass auch der Maßstab Norm zu eng ist und am Leben vorbeigeht. Entscheidend ist nicht, wie etwas sein sollte, sondern in welchem Kontext es entsteht.
Wenn dir gefällt, was ich mache, darfst du mir gerne einen symbolischen Kaffee spendieren.
Wer profitiert davon?
Nicht du.
Die Glücks-Industrie profitiert.
Sie verkauft dir positive Psychologie, Dankbarkeitsrituale, Achtsamkeitskurse.
Sie sagt: Du musst nur richtig denken, dann wirst du glücklich.
Sie fragt nicht: Wofür lebst du eigentlich?
Die Norm-Kultur profitiert.
Sie definiert, wie Körper, Beziehungen, Karrieren auszusehen haben.
Sie verkauft Anpassung als Erfolg.
Sie sagt: Wenn du nicht passt, bist du das Problem.
Die Optimierungskultur profitiert.
Sie verkauft dir: Arbeite an dir. Werde besser. Optimiere dich.
Sie verschiebt den Menschen, nicht den Maßstab.
Das Performance-System profitiert.
Es läuft reibungsloser mit Menschen, die nicht fragen: Wofür das alles?
Und die nicht merken: Der Maßstab ist zu eng.
Anders richtig: Die Verschiebung
Ich bin Wildnispädagoge und ich arbeite mit Logotherapie.
Nicht als Methoden. Als Haltungen.
Frankl gibt mir die Sprache, um nach Sinn zu fragen, ohne zu trösten.
Young gibt mir die Erfahrung, wie Raum entsteht, ohne etwas zu fordern.
Wenn heute jemand zu mir kommt und sagt: "Ich fühle mich falsch" – dann höre ich selten eine persönliche Wahrheit.
Meist höre ich die Wirkung eines Maßstabs, der nie hinterfragt wurde.
Die Coaching-Industrie fragt dann: Was stimmt nicht mit dir?
Ich frage: Was stimmt nicht mit dem Maßstab?
Die Optimierungskultur sagt: Werde besser.
Ich sage: Der Maßstab ist zu eng.
Keine Optimierung. Nur Klarheit.
Ich bin nicht hier, um dich zu formen.
Ich bin nicht hier, um dir zu zeigen, wie du besser funktionierst.
Ich bin hier, um den Maßstab sichtbar zu machen.
Du darfst sein, wie du bist.
Und dann schauen wir, wofür.
Das ist kein Versprechen.
Das ist eine Setzung.
Nicht jeder Mensch passt in dasselbe Raster.
Und das ist kein Fehler, der gelöst werden muss.
Das Problem bist nicht du.
Das Problem ist ein System, das aus deinem Anderssein ein Defizit macht.
Was das bedeutet
Frankl habe ich nie getroffen.
Young durfte ich erleben.
Beide wirken in meiner Arbeit weiter.
Nicht als Autoritäten.
Als Perspektiven, die den Maßstab verschieben.
Gegen die Glücks-Industrie.
Gegen die Norm-Kultur.
Gegen die Optimierungskultur.
Manchmal sind die wichtigsten Mentoren keine Personen.
Manchmal sind es Maßstäbe, die endlich verrutschen.
Anders richtig
Davis
Wenn auch du dich für Wildnispädagogik oder Logotherapie und Existenzanalyse interessierst, kann ich dir diese beiden Links sehr ans Herz legen:
Wildnisschule Wildeshausen
Akademie für Logotherapie
Anders richtig ist Denkraum und Arbeit zugleich.
Bücher, PDFs und mehr findest du hier:

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