Ein Gespräch über Maßstäbe
Mara gibt es nicht. Und doch gibt es sie überall.
Sie ist kein Mensch. Sie ist ein Zustand. Ein Erleben. Eine Art, in der Welt zu sein, die oft unsichtbar bleibt, weil sie nach außen funktioniert.
Dieses Gespräch ist kein Interview im klassischen Sinn. Es ist ein Versuch, sichtbar zu machen, was sonst zwischen den Zeilen bleibt.
Die Fragen richten sich nicht an eine Person. Sie richten sich an einen Maßstab.
An den Druck, der entsteht, wenn jemand nicht ins Raster passt.
In welchen Momenten merkst du, dass der Maßstab zu eng ist?
Wenn jemand meinen Körper kommentiert.
Wenn ich erklären muss, warum ich keine Kinder will.
Wenn meine Arbeitsweise als Faulheit gelesen wird.
Nach sozialen Situationen, wenn alle anderen energiegeladen wirken und ich leer bin.
Wenn mein Tempo als Problem gilt.
Wenn meine Beziehungsform erklärt werden muss.
Wenn Pausen als Schwäche gelesen werden.
Wenn Rückzug gerechtfertigt werden muss.
Wenn Stille nicht einfach stehen darf.
Wenn gefragt wird: "Warum arbeitest du so wenig?"
Oder: "Willst du nicht endlich mal ankommen?"
Oder: "Ist das nicht einsam?"
Es sind kleine Momente. Kein Drama. Nur diese leise, konstante Reibung.
Was wird in diesen Momenten erwartet?
Dass ich sichtbar bin.
Dass ich funktioniere wie erwartet.
Dass mein Körper passt.
Dass meine Entscheidungen nachvollziehbar sind.
Geselligkeit. Tempo. Belastbarkeit. Die Fähigkeit, nach einem langen Tag noch Energie für andere zu haben.
Ein Leben, das sich wie Leben anfühlt – für andere.
Wenn dir gefällt, was ich mache, darfst du mir gerne einen symbolischen Kaffee spendieren.
Es wird erwartet, dass ich mich öffne.
Dass ich dranbleibe.
Dass ich mitmache.
Dass ich den üblichen Weg gehe.
Dass ich die richtigen Dinge will.
Nicht aus Bosheit. Einfach, weil das der Standard ist.
Wer davon abweicht, muss sich erklären.
Egal ob es um Aussehen geht. Um Beziehungen. Um Arbeit. Um Lebensrhythmus. Um die Art, wie ich bin.
Und was passiert, wenn du dich nicht erklärst?
Dann entstehen Annahmen.
Dass ich unfreundlich bin.
Dass ich faul bin.
Dass ich mich gehen lasse.
Oft auch, dass ich unreif bin.
Dass ich Angst habe.
Dass ich kompliziert bin. Zu empfindlich. Zu starr.
Oder dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich daran arbeiten sollte.
Zugänglicher werden. Offener. Belastbarer. Normaler.
Die Annahmen sind nicht böse gemeint. Aber sie verschieben das Problem.
Von der Norm zu mir.
Mein Körper wird zum Projekt. Meine Lebensweise zur Phase. Meine Entscheidungen zur Erklärungslast.
Wie fühlt sich das an?
Erschöpfend.
Nicht das Anderssein selbst.
Sondern der ständige innere Abgleich: War ich zu still?
Zu viel? Zu wenig? Zu sichtbar? Zu unsichtbar?
Hätte ich mehr zeigen sollen? Weniger?
Es ist wie ein Hintergrundrauschen. Immer da. Kaum hörbar. Aber zermürbend.
Ich bin nicht kaputt, oder krank, oder "komisch".
Aber ich bin müde davon, mich permanent zu rechtfertigen.
Du hast vermutlich schon vieles versucht, um das zu ändern?
Ja. Achtsamkeit. Persönlichkeitstests. Selbsthilfe. Therapie. Diäten. Sport. Anpassung.
Mehr Offenheit. Mehr Disziplin. Mehr Verständnis für die Norm.
Manches hat kurzfristig geholfen. Aber am Ende landete ich immer wieder bei derselben Frage: Was stimmt nicht mit mir?
Und genau das ist das Problem. Die Frage selbst.
Was wäre die andere Frage?
Nun, die andere Frage sollte eigentlich lauten:
Was stimmt nicht mit dem Maßstab?
Oder, um genauer zu sein:
Warum wird Stille als Defizit gelesen?
Warum muss Rückzug gerechtfertigt werden?
Warum ist Langsamkeit ein Problem und nicht einfach ein Tempo?
Warum muss ein Körper kommentiert werden?
Warum muss eine Lebensweise verteidigt werden?
Warum ist Kinderlosigkeit erklärungsbedürftig?
Warum werden unkonventionelle Beziehungen bewertet?
Diese Fragen richten sich nicht mehr an mich. Sie richten sich an den Rahmen.
Das ändert zwar nichts an den Umständen. Aber es nimmt die Schuld weg.
Was würde sich ändern, wenn diese Verschiebung akzeptiert wäre?
Ich müsste mich weniger erklären. Weniger rechtfertigen.
Weniger beweisen, dass ich okay bin.
Nicht, weil plötzlich alle verstehen würden. Sondern weil ich selbst verstehe, dass das Problem nicht in mir liegt.
Dass mein Körper nicht falsch ist.
Dass meine Lebensweise nicht unreif ist.
Dass mein Tempo nicht zu langsam ist.
Dass meine Entscheidungen nicht zu kompliziert sind.
Das ist keine Lösung im klassischen Sinn. Aber es ist Entlastung.
Und was brauchst du nicht?
Optimierung.
Keine weiteren Strategien, um besser zu funktionieren. Keine Tipps, wie ich zugänglicher werde.
Keine Pläne, wie ich mich anpasse.
Auch keine neue Kategorie. Kein Label, in das ich nur halb passe.
Keine Erklärung, die mich wieder einordnet.
Was ich brauche, ist Raum.
Raum, in dem ich nicht permanent geprüft werde.
Raum, in dem ich einfach da sein darf.
Ohne Rechtfertigung. Ohne Optimierung. Ohne Ziel.
Anders richtig ist Denkraum und Arbeit zugleich.
Bücher, PDFs und mehr findest du hier:
Gibt es einen solchen Raum?
Selten. Aber manchmal.
In Texten, die nicht erklären, sondern benennen.
In Gesprächen, die nicht korrigieren.
In Orten, an denen Anderssein nicht gerechtfertigt werden muss.
Dieser Raum ist keine Lösung. Er ist eine Atempause.
Ein Moment, in dem klar wird: Das Problem war nie ich.
Was bleibt am Ende stehen?
Die Erkenntnis, dass ich nicht falsch gebaut bin. Dass der Rahmen zu eng war. Dass ich nichts beweisen muss.
Das verändert nicht die Welt. Aber es verändert, wie ich darin stehe.
Ohne Rechtfertigung. Ohne Scham. Einfach da.
Mara gibt es nicht. Aber das, wovon sie spricht, ist real.
Es zeigt sich in Menschen, die funktionieren und trotzdem erschöpft sind.
Die nach außen angepasst wirken und innerlich ringen.
Die sich fragen: Stimmt etwas mit mir nicht?
Die Antwort ist: Nein.
Es stimmt etwas mit dem Maßstab nicht.
Bleib bei dir
Davis
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass dich dieses Thema persönlich betrifft
und du wissen willst, wo genau der innere Druck bei dir entsteht,
dann kannst du mit mir ein Klarheitsgespräch führen.
Um deinen Maßstab zu erkennen
und herauszufinden, was jetzt wirklich hilfreich ist.

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