Sein ist nicht Verhalten

Sein ist nicht Verhalten

Mein Handy vibriert. Eine Nachricht.

"Du rechtfertigst mit deinem ‚Anders richtig‘ jegliches Verhalten. Hauptsache, man sagt, der Maßstab ist zu eng. Damit kann sich jeder herausreden.
Das ist verantwortungslos."

Ich lese die Nachricht zweimal. Dreimal.

Und dann wird mir klar: Hier ist etwas fundamental missverstanden worden.

Nicht ein wenig. Grundlegend.

Die Verwechslung zwischen Sein und Verhalten.
Zwischen Existenz und Konsequenz.
Zwischen dem, was jemand ist, und dem, wie jemand handelt.

Lass mich das klären. Sehr klar.

Die Verwechslung

Es gibt einen fundamentalen Unterschied, den unsere Gesellschaft verwischt.

Einen, den die Authentizitäts-Industrie absichtlich verschwimmen lässt.

Der Unterschied zwischen dem, was du bist, und dem, wie du handelst.

Wer verkauft diese Verwechslung?

Die Authentizitäts-Industrie.

Sie verkauft dir: "Sei du selbst. Lebe deine Wahrheit."
Sie verkauft dir: "Authentizität ist das höchste Gut."
Sie verkauft dir: "Wenn andere dich nicht aushalten, ist das ihr Problem."

Was sie nicht sagt:
Authentizität ohne Verantwortung ist Egoismus.

Die Coaching-Kultur macht das Gleiche.
Sie verkauft "Selbstverwirklichung" als Freibrief.
Sie sagt: "Lebe deine Grenzen", aber nie: "Respektiere die anderer."

Die Optimierungskultur hat aus "Sei du selbst" eine Waffe gemacht.
Eine Rechtfertigung für jedes Verhalten.
Eine Legitimation für Rücksichtslosigkeit.

Das ist Bullshit.

Der Unterschied, den ich mache

Was du bist:

Du lebst allein und willst das so.
Du hast keine Kinder und willst keine.
Du arbeitest Teilzeit und das reicht dir.
Du willst keine Karriere.
Du reist nicht gern.
Du hast kein Auto.
Du trägst alte Kleidung.
Du feierst kein Weihnachten.
Du schminkst dich nicht.
Du machst keinen Sport.
Du funktionierst morgens nicht.
Du brauchst Routine.
Du brauchst Chaos.
Du kannst keinen Small Talk.
Du bist langsamer.
Du brauchst Stille.
Du liebst anders als erwartet.
Dein Körper entspricht nicht der Norm.
Du isst anders.
Du wohnst anders.
Du denkst anders.

Und noch viele weitere Reibungspunkte zwischen Leben und Maßstab.

Das ist dein Sein.

Für dieses Sein kämpfe ich.

Es braucht keine Rechtfertigung.
Es ist nicht falsch.
Es ist nicht erklärungsbedürftig.
Es ist nicht etwas, das korrigiert werden muss.

Dieses Sein steht nicht zur Debatte.

Wie du handelst:

Wie du mit anderen umgehst.
Wie du Verabredungen hältst oder nicht hältst.
Wie du kommunizierst.
Wie du Grenzen setzt und respektierst.
Wie du Verantwortung trägst.
Wie du auf Verletzlichkeit anderer reagierst.

Das ist dein Verhalten.

Und hier bin ich sehr klar: Dieses Verhalten hat Konsequenzen.

Es hat Auswirkungen auf andere Menschen.
Es hat Auswirkungen auf Beziehungen.
Es hat Auswirkungen auf das, was möglich ist zwischen dir und anderen.

Ich verteidige dein Sein.
Aber ich verteidige nicht jedes Verhalten.

Das ist der Unterschied, den ich mache.

Die Grenze

Ich sage nicht: "Du bist introvertiert, also darfst du andere ignorieren."
Ich sage nicht: "Du bist hochsensibel, also muss sich die Welt um dich drehen."
Ich sage nicht: "Du bist neurodivergent, also trägst du keine Verantwortung."

Ich rechtfertige keinen Egoismus.
Keine Rücksichtslosigkeit.
Kein Verhalten, das andere verletzt und dann mit "Das bin halt ich" weggewischt wird.

Die Authentizitäts-Industrie verkauft das anders.
Sie sagt: "Lebe deine Wahrheit", ohne zu sagen: "Aber verletze dabei keine anderen."

Fuck that.

Was ich verteidige

Ich verteidige die Würde von Menschen, die nicht ins Raster passen.
Die pathologisiert werden.
Die sich ständig erklären müssen.

Aber ich verteidige nicht das Recht, die Würde anderer zu verletzen.

Ich sage nicht: "Du darfst andere kleinmachen, weil du selbst klein gemacht wurdest."
Ich sage nicht: "Du darfst übergriffig sein, weil du sensibel bist."
Ich sage nicht: "Du darfst egoistisch handeln, weil die Welt dich nicht versteht."

Wo Würde verletzt wird, bin ich nicht mehr dabei.
Wo Menschen instrumentalisiert werden, bin ich nicht mehr dabei.
Wo Verantwortung abgelehnt wird mit dem Argument "Das bin halt ich", bin ich nicht mehr dabei.
Wo Egoismus als Authentizität verkauft wird, bin ich nicht mehr dabei.

Das ist meine Grenze. Und die ist nicht verhandelbar.

CTA Image

Anders richtig ist Denkraum und Arbeit zugleich.
Bücher, PDFs und mehr findest du hier:

Zur Webseite

Beispiele: Wo die Grenze liegt

Kommunikation:

Du kommunizierst direkt. Du brauchst klare Worte.

Ich sage: "Du darfst direkt sein."
Ich sage nicht: "Du darfst sagen, was du willst, und wenn andere das nicht vertragen, ist das ihr Problem."

Soziale Energie:

Du brauchst nach sozialen Kontakten Rückzug.

Ich sage: "Du darfst gehen, wenn du Ruhe brauchst."
Ich sage nicht: "Du darfst einfach verschwinden, ohne Bescheid zu geben."

Bedürfnisse:

Du hast andere Bedürfnisse als die Mehrheit.

Ich sage: "Deine Bedürfnisse sind legitim."
Ich sage nicht: "Deine Bedürfnisse sind wichtiger als die der anderen."

Meine Haltung

Ich sage: Du bist nicht falsch.
Aber ich sage auch: Du bist nicht der Maßstab.

Ich sage: Die Norm ist zu eng.
Aber ich sage auch: Das heißt nicht, dass es keine Grenzen gibt.

Ich sage: Du musst dich nicht anpassen.
Aber ich sage auch: Du musst Verantwortung tragen.

Das hier ist keine Freikarte. Das ist eine Entlastung.

Eine Entlastung von dem Druck, so sein zu müssen wie alle anderen.
Aber nicht von der Verantwortung, respektvoll zu handeln.

Eine Entlastung von der Idee, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Aber nicht von der Aufgabe, die Konsequenzen deines Verhaltens zu tragen.

Eine Entlastung von der Pathologisierung deines Andersseins.
Aber nicht von der Pflicht, die Würde anderer zu achten.

Warum die Authentizitäts-Industrie das verwischt

Weil es sich besser verkauft.

"Sei du selbst" ohne Verantwortung ist einfacher.
"Lebe deine Wahrheit" ohne Grenzen ist bequemer.
"Authentizität über alles" ohne Rücksicht ist lukrativer.

Die Coaching-Kultur profitiert davon.
Die Selbsthilfe-Industrie profitiert davon.
Die Optimierungskultur profitiert davon.

Ich nicht.

Ich will keinen neuen Maßstab schaffen.
Keinen, der sagt: "Anders ist das neue Normal, und alle anderen müssen sich fügen."

Ich will Raum schaffen.

Raum, in dem verschiedene Arten zu sein nebeneinander existieren können.
Ohne dass eine die andere dominiert.
Ohne dass eine die andere abwertet.
Ohne dass eine die andere zum Problem erklärt.

Das ist meine Haltung. Und von der weiche ich nicht ab.

Was ich erwarte

Wenn du mit mir arbeitest, erwarte ich etwas von dir.

Ich erwarte nicht, dass du perfekt bist.
Ich erwarte nicht, dass du nie einen Fehler machst.

Aber ich erwarte, dass du bereit bist, Verantwortung zu tragen.

Für dein Handeln. Für deine Worte. Für die Art, wie du mit anderen umgehst.

Ich gebe dir die Erlaubnis, anders zu sein.
Aber ich gebe dir nicht die Erlaubnis, diese Andersheit als Waffe zu nutzen.

Ich gebe dir Klarheit darüber, dass der Maßstab oft falsch ist.
Aber ich gebe dir nicht die Freiheit, deshalb alle Maßstäbe zu ignorieren.

Ich gebe dir Raum.
Aber ich gebe dir nicht das Recht, diesen Raum auf Kosten anderer zu beanspruchen.

Keine Entschuldigung

Ich verspreche dir nichts.
Ich entschuldige mich für nichts.

Ich verteidige dein Sein.
Ich benenne, wo Normen zu eng sind.
Ich sage: Das Problem bist nicht du.

Aber ich sage auch: Das heißt nicht, dass du keine Verantwortung trägst.

Ich gebe dir Raum.
Aber ich erkämpfe diesen Raum nicht auf Kosten anderer.

Ich will dich nicht anpassen.
Aber ich lasse dich auch nicht frei von der Aufgabe, respektvoll zu handeln.

Das ist keine Freikarte.
Das ist Klarheit.


Anders richtig

Davis


Wenn dir gefällt, was ich mache, darfst du mir gerne einen symbolischen Kaffee spendieren.

=> Kaffeespende